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Wie gelingt der regionale Ausgleich der Lebensverhältnisse?

Die Lebensverhältnisse in Deutschland sind nicht gleichwertig. Zwischen Stadt und Land, zwischen Bundesländern, Regionen und Kommunen gibt es enorme Unterschiede: So schwankt etwa die medizinische Grundversorgung zwischen 80 und 400 Arztpraxen je 100.000 Einwohner. An manchen Orten Deutschlands benötigt man 15 Auto-Minuten zur nächsten Einkaufsmöglichkeit, an anderen sind es nur wenige Schritte. Busse fahren im 5-Minuten-Takt zum Bahnhof – oder nur dreimal am Tag. Gravierend sind die Unterschiede auch bei der Breitbandversorgung, bei der Kinder- und Seniorenbetreuung oder bei Kultur- und Freizeitangeboten.

Große Unterschiede auch jenseits der Metropolen

Jede Region in Deutschland hat ihre eigenen Herausforderungen, wenn sie ihren Bürgern gleichwertige Lebensverhältnisse bieten möchte. Dabei heißt „gleichwertig“ nicht unbedingt „gleich“. Es geht vielmehr darum, dass alle Menschen ungehindert Zugang zu den für ihre Daseinsvorsorge wesentlichen Infrastrukturen und Dienstleistungen erhalten und am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. In dieser Hinsicht bieten urbane Räume in der Regel die besseren Möglichkeiten. Andererseits fehlt den Menschen hier oft die Möglichkeit zur sozio-kulturellen Verankerung oder kurz: die Erfahrung von Heimat.

Auch jenseits der Metropolen bleiben die regionalen Unterschiede groß. Das Umland von Städten wie Jena oder Bielefeld „läuft über“, weil es infolge der dortigen Wachstumsdynamik die Wohnraumknappheit der Zentren ausgleichen muss. In Südwestfalen dagegen können viele prosperierende Unternehmen ihre Fachkräfte nicht längerfristig binden, weil diese vor Ort die urbane Lebensqualität vermissen und deshalb über weite Strecken einpendeln. Das verhindert aber die für das dauerhafte Bleiben erforderliche Verwurzelung am Standort. In Teilen Ostdeutschlands wiederum schrumpfen ganze Regionen, weil es an Arbeitgebern fehlt und der ausreichend vorhandene Wohnraum niemanden anzieht.

 

Politische Antworten brauchen regionale Beteiligung

Wie sollen Politik und Wirtschaft mit diesen Situationen konstruktiv umgehen? Die Bundesregierung hat 2018 die Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse zu einem ihrer politischen Handlungsziele erklärt. Ein Jahr später beschloss sie mit dem „Plan für Deutschland“ eine Reihe von Maßnahmen, etwa die Förderung strukturschwacher Regionen und die Stärkung des Wohnungsbaus. Seither geschah – wenig.

Es zeigte sich, dass die Schaffung gleichwertiger Lebensverhältnisse mehr braucht als politische Entscheidungen auf Bundes- und Länderebene. Zusätzlich benötigt sie nämlich das regionale Engagement und die Vernetzung der kommunalen, wirtschaftlichen und sozialen Akteure. An den Tisch gehören darum neben Städten und Unternehmen auch die Bildungsträger, Verkehrsverbünde oder Wohlfahrtsvereine. Ohne die gemeinsame Beteiligung von „unten“ ist regionale Strukturverbesserung zum Erhalt gleichwertiger Lebensverhältnisse nicht erreichbar.

 

Wohnungswirtschaft ist „Kümmerer“

Der GdW, der Bundesverband der Wohnungswirtschaft, hat dies mit einer Studie belegt, die die DZ HYP und andere Förderer unterstützt haben. Im Dezember 2020 wurde der Abschlussbericht veröffentlicht. Er zeigt am Beispiel von sieben Teilprojekten in unterschiedlichen Regionen Deutschlands, dass es vor Ort „Kümmerer“ geben muss, die  Akteure im Sinne einer Kooperationsanbahnung miteinander ins Gespräch bringen und gemeinsames Engagement in Gang setzen. Dann können realisierbare Lösungsansätze gefunden und Menschen für deren Umsetzung gewonnen werden. Wichtig war der Studie, dass die Projekte bei überschaubarem finanziellen Einsatz reproduzierbare Ergebnisse brachten. Für ihren Erfolg ist die gelingende Mobilisierung und Koordination der Beteiligten mindestens ebenso wichtig wie die Höhe der Erstinvestition.

Dennoch steckt Erfolgsfaktor Nummer zwei in der dauerhaften Finanzierung. Der Studie zufolge existiert eine große Vielfalt an mehr oder weniger gut passenden Förderangeboten zur Erarbeitung von innovativen Lösungen. Deren Finanzierung folgt jedoch meistens einer Projektlogik mit zeitlich befristeten Abschnitten ohne belastbare Rahmenbedingungen für ein längerfristiges Engagement. Ein finanziell ausreichend ausgestattetes Raumordnungsprogramm könnte dazu beitragen, den erforderlichen Infrastrukturausbau in den Regionen voranzutreiben.

 

Regionale Themen sind nicht kommunal zu lösen

Und schließlich kann der „Plan für Deutschland“ nach Erkenntnis der Studie nur dann Wirklichkeit werden, wenn eine regional verankerte Wohnungs- und Baulandpolitik verfolgt wird. Dazu könnte die derzeit von Verbänden oder Bezirksregierungen betriebene Regionalplanung beitragen – wenn sie denn umsetzungsstärker wäre und die kommunale Baulandentwicklung wirksam beeinflusste. Themen wie Wohnungsnot oder Grundstücksmangel können heute nicht mehr auf kommunaler Ebene behandelt und gelöst werden, weil die Menschen mobiler leben und ausgreifender vernetzt sind. Dennoch liegt die politische Handlungsmacht weiter bei den Kommunen und fehlt ein regionales Steuerungsinstrument.

Dass sich die Wohnungswirtschaft mit der Studie und den ihr zugrundeliegenden Teilprojekten so stark engagiert, hat zwei Gründe: Die im GdW erfassten Unternehmen haben in den Räumen jenseits der Metropolen einen Marktanteil von bis zu 50 Prozent des Mietwohnungsangebots. Sie tragen damit eine hohe Verantwortung für die Wohnraumversorgung in der Region. Zum anderen sind sie als aktive Gestalter der Quartier- oder Stadtentwicklung längst zu einer Schlüsselfigur in der Daseinsvorsorge vieler Menschen geworden. In dieser Expertise liegt viel Potenzial für die Initiierung von erfolgversprechenden Maßnahmen zum Ausgleich der regionalen Lebensverhältnisse.

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