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Wie nachhaltig sind die alternativen Baustoffe und -techniken?

Ende September ging die Meldung von Deutschlands erstem Haus aus dem 3D-Drucker durch die Medien, das in Beckum errichtet wird. Die neue Technik stieß auf großes Interesse, denn sie ist sauber und (zumindest in der Zukunft) kostengünstig: Wie aus der Zahnpastatube werden von einem an Schienen hängenden Roboter in unzähligen Runden schnell härtende Betonstränge zu Wänden aufeinander gelegt. Zwei Mitarbeiter überwachen den Vorgang, werden selbst aber nur aktiv, um Kabel und Rohre in den vom Drucker gleich ausgesparten Hohlräumen zu verlegen.

Für einen Quadratmeter doppelschaliger Wand benötigt das Gerät fünf Minuten, für den gesamten Rohbau drei bis vier Wochen. Mit wachsender Erfahrung will das betreuende Bauunternehmen noch deutlich kürzere Bauzeiten erreichen. Seiner Pressemitteilung nach ist das Gebäude zudem „weitestgehend recyclefähig“. Das Verfahren verbindet Möglichkeiten des Fertigbaus im Niedrigenergiestandard mit denen eines individualisierten Designerhauses. Außerdem soll es neben den Personal- auch die Baukosten senken, weil u. a. keine Schalungsarbeiten nötig sind. In Texas entsteht bereits ein ganzes Wohnquartier aus solcherart errichteten Wohnhäusern für sozial benachteiligte Menschen.

 

„Alternativ“ muss bezahlbar sein

Beantwortet der 3D-Druck also die wesentlichen Zukunftsfragen der Baubranche nach Einsparpotenzialen beim Personal-, Material- und Energiebedarf? Eher nicht. Denn es wird noch einige Zeit brauchen, bis das Verfahren wirklich praxisreif ist. Leider gilt das für eine ganze Reihe von Alternativen bei Baumaterialien und –techniken. Stroh und Wolle als Dämmstoff, Hanf oder gar Pappe als Trägermaterial mögen brillante Ideen sein und einen Vorteil im Sinne des Klimaschutzes und der Wohngesundheit bieten. Sie bleiben bislang aber eine Ausnahmeerscheinung für experimentierfreudige Häuslebauer. Für eine breite Nutzung mangelt es an nachfragegerechten Produktionskapazitäten und an der Weiterentwicklung bzw. Industrialisierbarkeit von Verfahren. Das gilt insbesondere da, wo historische Kenntnisse wiederentdeckt wurden und auf moderne Anforderungen adaptiert werden müssen wie zum Beispiel beim Kalk- und Lehmputz.

Ob sich solche Techniken auch für den Bau von größeren und höheren Gebäuden einsetzen lassen, bleibt abzuwarten. Einzig für das Material Holz hat sich dies bestätigt. Doch gerade diese Frage ist besonders wichtig. Denn in Deutschland fehlt bezahlbarer und zugleich ressourcenschonender Wohnraum. Nur mit Mehrfamilienhäusern in nachhaltig geplanten Quartieren kann diesem Mangel wirksam begegnet werden.

 

Nachhaltigkeit braucht öffentliche Unterstützung

Daher steckt die Wohnungswirtschaft in einem Dilemma, wenn sie Wohnungen zu akzeptablen Mietpreisen ab 7 oder 8 Euro je Quadratmeter anbieten will, während die Baukosten u. a. durch Vorgaben zur Energieeinsparung bzw. zur energetischen Modernisierung auf bis zu 5000 Euro je Quadratmeter steigen können. Alternative Baustoffe und -techniken sind für sie nur dann eine wirkliche Alternative, wenn sie nicht zu Lasten der Preise wirken. Das zu überprüfen ist nicht einfach. Welche Kosten werden in die Rechnung einbezogen – nur die der Beschaffung eines Stoffes oder auch die für seine spätere Entsorgung? Lassen sich durch ihn Einsparungen erreichen, die verrechnet werden können, oder ist das mangels entsprechender Erfahrungswerte noch gar nicht quantifizierbar? Sind Personaleinsparungen auf Dauer kostengünstig – auch aus volkswirtschaftlicher Betrachtung?

Solange alternative Stoffe und Verfahren die bessere, aber teurere Option sind, muss die Verteilung der Kosten diskutiert werden. Wer also Zement als Klimakiller verurteilt, weil seine Herstellung CO2 freisetzt, oder Styropor am Bau verhindern will, weil es schwer recycelbar ist, der muss entweder mit steigenden Mieten oder mit zusätzlichem Förderbedarf einverstanden sein. Das eine ist ohne das andere zumindest zum aktuellen Stand nicht zu haben. Und die Zeit drängt. Ein klimaneutrales Europa, wie es der Green Deal der EU für 2050 anpeilt, braucht mehr als ein Haus aus dem 3D-Drucker. Nämlich einen Konsens über echte, also wirtschaftlich vertretbare Nachhaltigkeit am Bau und die gemeinsame Verantwortung aller für ihre Realisierung.

 

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