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Herausforderung Einzelhandel: Gehört die Zukunft den Nahversorgern?  

Im April 2020 gab es ganze zwei Handelssegmente, die einen nominal höheren Umsatz hatten als im Vorjahr. Eines davon – nicht weiter überraschend – war der Online-Handel mit einem Plus von annähernd 30 Prozent. Daneben gelang inmitten des Lockdowns nur einem analogen Segment ein Wachstum: dem Lebensmitteleinzelhandel. Die Nahversorger zählten zu den systemrelevanten Unternehmen, die unser tägliches Leben in Corona-Zeiten aufrechthielten. Und entsprechende Immobilien gehören zu denen, die das Interesse der Immobilieninvestoren im Einzelhandelssegment derzeit auf sich ziehen können. Die Gründe dafür liegen auf der Hand.

 

Nahversorger sind schneller als das Internet

2020 ist für den stationären Einzelhandel ein schwarzes Jahr. In konjunkturell unsicheren Zeiten wird an Mode, Autos oder Reisen gespart. Das gilt nicht für Güter des täglichen Bedarfs. Die Menschen essen nicht weniger, wenn sie mehr Zeit zu Hause verbringen. Im Gegenteil. Es sind Umsatzverlagerungen von Betriebskantinen und Restaurants in Richtung Nahversorger zu beobachten. Anders als die Mode- oder Elektronikbranche trotzt der Lebensmitteleinzelhandel dabei der Online-Konkurrenz mit einem erstaunlichen Durchhaltevermögen. Es scheint, als funktioniere das Prinzip „E-Food“ hierzulande nicht. Zwar geben Verbraucher an, dass sie gern verstärkt online einkaufen würden. Allerdings sind die Kapazitäten des Handels hierfür weder vorhanden noch mittelfristig zu erwarten. Anbieter wie amazon fresh beschränken sich auf ein Handvoll Großstädte. Lieferzeiten und Service lassen häufig zu wünschen übrig. Auf eine bestellte Hose kann der Verbraucher einen Tag warten, bei dem Liter Milch kann es da schon knapp werden. Der Supermarkt um die Ecke ist und bleibt schneller als das Internet.

 

„Geiz ist geil“ gilt nicht mehr

Nahversorger profitieren zudem von einem Umdenken der Gesellschaft. Regionale Lebensmittel und Produkte aus biologischem Anbau gewinnen an Bedeutung. Die Geschehnisse in der Fleischindustrie während Corona-Pandemie dürften diesen Trend verstärken. Neue Verbrauchergenerationen wenden sich ab von der „Geiz ist geil“-Mentalität, die nach der Jahrtausendwende, insbesondere in den Elektronikfachmärkten dominierte. Diese Entwicklung zieht sich bis in die Discounter-Märkte. Selbst bei den preissensitiven Zielgruppen funktioniert der Abverkauf von Paletten nicht mehr überzeugend, das Einkaufserlebnis gewinnt an Bedeutung. Dementsprechend hat etwa ein Aldi aus dem Jahr 2020 kaum noch etwas gemein mit dem aus dem Jahr 2000.

 

Strukturwandel im Einzelhandel

Die Krisenfestigkeit der Nahversorger entgeht den Anlegern nicht. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres sind in Deutschland knapp 7,4 Mrd. Euro in Einzelhandelsimmobilien investiert worden. Rund 2,3 Mrd. Euro davon flossen in Supermärkte und Lebensmitteldiscounter. Zeitgleich lösen Nahversorger allein keinen Strukturwandel aus. Der innerstädtische Einzelhandel muss sich neu erfinden. Insbesondere die Modebranche steht unter Druck und dünnt ihre Filialnetze spürbar aus. Erste Anzeichen der Verödung von Innenstädten sind bereits sichtbar. Die Entwicklung könnte in Richtung Mischnutzung aus Wohnen, Einkaufen und Arbeiten gehen. Ein solcher Wandel wird sich jedoch noch über viele Jahre hinziehen. Nahversorgungsimmobilien eignen sich sicherlich nicht für alle Investorengruppen. Solange sich die Retailbranche neu erfindet, bilden sie gleichwohl einen wichtigen und verlässlichen Anker in diesem Segment.

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