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Am Tropf der Globalisierung

Was hat der sprichwörtliche Sack Reis in China mit dem Wert eines Einfamilienhauses im Schwarzwald zu tun? Wenig, sollte man meinen – oder doch?

 

Deutschland zählt zu den Exportweltmeistern. Verantwortlich hierfür sind vor allem die Automobilbranche, der Maschinen- und Anlagenbau, die Chemie- und Pharmaziebranche und die Informationstechnologie. Jedoch ist die Werkbank der deutschen Exportindustrie aus historischen Gründe nicht gleichmäßig im Raum verteilt. Zum Beispiel liegt die Exportquote in der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg bei rund 50 Prozent – hier ist der Export die treibende Kraft der lokalen Wirtschaft. In anderen Regionen wie z. B. in Südbrandenburg spielt die Exportindustrie mit einer Quote von 20 Prozent dagegen eher eine untergeordnete Rolle.

 

Eine hohe Exportabhängigkeit bringt nicht nur Vorteile mit sich. Aufgrund der engen Verflechtung der regionalen Arbeitsmärkte mit der internationalen Wirtschaft reagieren diese äußerst sensibel auf globale Krisen, wie die Finanzkrise 2008/2009 gezeigt hat. Abbildung 1 verdeutlicht, wie sich die regionalen Arbeitslosenquoten in der Finanzkrise entwickelten. Während die Arbeitslosenquote zwischen 2008 und 2009 in der exportstarken Region Schwarzwald-Baar-Heuberg anstieg, sank sie in Südbrandenburg oder blieb zumindest konstant.

 

Abbildung 1: Arbeitsmarktentwicklung und Wirtschaftsstruktur (Angaben in %)

Quelle: Statistisches Bundesamt

 

Insbesondere Unternehmen in Baden Württemberg und NRW litten unter der Finanzkrise, wohingegen der Norden und Osten einigermaßen verschont blieb. Es sei jedoch erwähnt, dass z. B. das Niveau der Arbeitslosigkeit in Südbrandenburg (dennoch) rund dreimal so hoch war wie im Schwarzwald. Dementsprechend hatten die Einbrüche in der Beschäftigtenzahl keine schwerwiegenden Folgen für die Regionen, da sie nicht nachhaltig waren. Dazu trug auch die Kurzarbeiterregelung bei, mit dessen Hilfe viele Unternehmen die globalwirtschaftliche Krise einigermaßen unbeschadet überstanden. Wie Abbildung 1 zeigt, hat insbesondere der Südwesten verstärkt von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht.

 

Der Anteil der exportrelevanten Industrie (Chemische und pharmazeutische Erzeugnisse, Maschinen- und Fahrzeugbau, Information und Kommunikation) ist in diesen Regionen überwiegend hoch. Somit prosperieren die regionalen Arbeits- und damit die Immobilienmärkte zwar bei globalen Aufschwüngen in besonderem Maße. Kommt es aber zu einem langfristigen massiven Einbruch oder einem Handelskrieg, so bekommen das die Standorte in Form steigender Arbeitslosigkeit, sinkender Einkommen und zunehmender Abwanderung zu spüren. Damit verlieren die dort ansässigen Kreditnehmer an Bonität und die Immobilienwerte sinken.

 

Hängen Regionen von einigen wenigen internationalen (Groß-)Unternehmen ab, so kann das die Auswirkungen globaler Krisen noch verschärfen. Solche sogenannten „Firmenstädte“ lassen sich z. B. mit Hilfe des Gewerbesteueranteils an den gesamten Steuereinnahmen identifizieren. Ist der Anteil hoch, werden die Steuererträge der Kommune oft von einzelnen ortsansässigen, aber global agierenden Unternehmen dominiert. Bei den Gewerbesteueranteilen handelt sich allerdings nur um ein Indiz. Einige (Groß-)Unternehmen unterhalten z. B. sehr kleine Vertretungen in Kommunen, um von günstigen Gewerbesteuerhebesätzen zu profitieren.

 

Abbildung 2 zeigt die deutschen Gemeinden unterteilt nach unterschiedlichen Gewerbesteueranteilen. Bei 239 von rund 11.000 Gemeinden hat die Gewerbesteuer einen Anteil von über 70 Prozent an den gesamten Steuereinnahmen. Zu diesen „Firmenstädten“ zählen z. B. Walldorf (SAP, Informationstechnologie), Ingelheim am Rhein (Boehringer, Pharmaunternehmen), Dingolfing (BMW, Automobilbranche), Eschborn (IBM, Informationstechnologie), Leuna (BASF, Chemieindustrie) oder Niederwinkling (Wallstabe & Schneider, Kunststoffwaren).

 

Abbildung 2: Verteilung der Gewerbesteueranteile

Quelle: Statistisches Bundesamt

 

Exportorientierte Regionen hängen am Tropf der Globalisierung. Wenn bestimmte Branchen aufgrund ökonomischer und politischer Veränderungen ihren Platz an der globalen Werkbank verlieren, so verlieren auch die dortigen Immobilien an Wert. Darum investiert ein Immobilienkäufer indirekt nicht nur in die Gegebenheiten vor Ort, sondern immer auch in die Verflechtungen der lokalen Unternehmen mit ihren (weltweiten) Absatzmärkten. Fällt der Sack Reis in China, fällt dann schlimmstenfalls auch der Wert eines Hauses im Schwarzwald. Denn nicht nur in der Natur „hängt alles mit allem zusammen“ (Alexander von Humboldt).

 

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